Studie über Waldstörungen ignoriert Haupttreiber des heutigen Waldwandels in Europa

Studie über Waldstörungen ignoriert Haupttreiber des heutigen Waldwandels in Europa

Eine in diesem Monat veröffentlichte Studie von Grünig et al. liefert beängstigende Erkenntnisse.

Die Autoren zeigen auf, dass klimabedingte „natürliche Störungen“ wie Waldbrände, Käferbefall und Stürme sich bis 2100 mehr als verdoppeln und die europäischen Wälder buchstäblich umgestalten könnten, was vor allem ältere, kohlenstoffreiche Wälder betreffen würde.

Die Studie, die im Modell einen Anstieg der betroffenen Flächen um 122 % errechnet, legt zudem nahe, dass sich das zunehmende Waldbrandrisiko in Richtung der gemässigten und nördlichen Regionen verlagern wird, was zu deutlich jüngeren, weniger widerstandsfähigen Waldlandschaften führt, die viel weniger Kohlenstoff speichern.

Doch die Studie ist auch in anderer Hinsicht beängstigend. Sie erzählt nämlich nur einen Bruchteil der Geschichte.

Sie ignoriert den Haupttreiber des heutigen Waldwandels in Europa: die Abholzung. Sie erwähnt nicht, dass menschliche Abholzung und Landnutzung derzeit für erschreckende 82 % aller Waldstörungen auf dem Kontinent verantwortlich sind.

Das Weglassen dieser Tatsache schafft eine irreführende Darstellung, wonach die Natur das Hauptproblem sei, während in Wirklichkeit die vom Menschen verursachten Lücken im Baumkronendach die natürlichen Störungen in Bezug auf den Kohlenstoffverlust um mehr als das Sechsfache übertreffen!

Diese Diskrepanz wird in aktuellen Klimadaten deutlich sichtbar, die zeigen, dass der Landsektor Europas im Jahr 2023 deutlich weniger CO₂ gebunden hat als im langjährigen Durchschnitt – ein Rückgang von über 300 Millionen Tonnen auf nur 198 Millionen. Wenn Länder wie Finnland oder Schweden Borkenkäfer und Stürme dafür verantwortlich machen, dass sie ihre Klimaziele verfehlen, verschweigen sie oft die weitaus grösseren Auswirkungen ihrer eigenen industriellen Forstwirtschaft.

Leider werden in der Studie jene industriellen Bewirtschaftungssysteme nicht kritisiert, obwohl sie die «natürlichen» Störungen, die von Grünig et al modellhaft berechnet werden, verschlimmern. Denn die derzeitige Politik und die Subventionen der Europäischen Union begünstigen in der Regel großflächige industrielle Betriebe, die auf Kahlschlag setzen, anstatt auf nachhaltigere Methoden wie die Dauerwaldbewirtschaftung. Die radikale Abholzung vielfältiger, etablierter Ökosysteme beraubt den Wald tatsächlich seiner natürlichen Abwehrkräfte und verringert seine Widerstandsfähigkeit.

Die einheitlichen, ackerähnlichen Plantagen, die oft neu aufgeforstet werden, sind zudem weitaus anfälliger für genau jene Schädlinge, Dürren, Brände und Stürme, die die Studie simuliert – was bedeutet, dass unser derzeitiger Bewirtschaftungsstil faktisch die Voraussetzungen für die Katastrophen schafft, die wir fürchten.

Zudem schafft die Bioenergiepolitik der EU ein juristisches Schlupfloch, indem sie Anreize für die Verbrennung von Waldbiomasse als Brennstoff bietet und damit eine Holznachfrage anheizt, die es unmöglich macht, eine gesunde, funktionsfähige Kohlenstoffsenke zu erhalten.

Die Verbrennung von Biomasse wiederum emittiert mehr CO2 und Schadstoffe als fossile Brennstoffe, was den Klimawandel und die daraus folgenden Waldstörungen weiter beschleunigt.

Schliesslich besteht die Lösung zur Rettung der europäischen Wälder nicht einfach darin, mehr Störungen in die Planung einzubeziehen, als seien diese Ereignisse unvermeidliche Naturereignisse, sondern darin, aktiv das Ausmass der vom Menschen verursachten Zerstörung zu verringern.  Dazu braucht es ein grundlegendes Umdenken in der Waldstrategie.

Foto: Angeblich vom Klima geschwächter Wald im Mittelland. Hier stand ein schöner intakter Mischwald mit Buchern – zu Tode bewirtschaftet für eine „klimafitte“ Plantagen-Monokultur

Wir brauchen einen Wandel hin zu einer echten „naturnahen“ Bewirtschaftung. Dazu gehört die Abkehr von Kahlschlägen zugunsten selektiver Holzgewinnung, die das Kronendach geschlossen hält, sowie der strenge Schutz der verbleibenden 2 % Primär- und Urwälder. Letztere bieten die stabilste Kohlenstoffspeicherung.

Wenn die naturnahe Bewirtschaftung mit einer echten Reduzierung der Holznachfrage durch Innovation und die Kreislaufwirtschaft von Materialien einhergeht, können wir auf eine Zukunft hinarbeiten, in der Wälder widerstandsfähig genug sind, um in einer sich erwärmenden Welt zu überleben, anstatt als kurzfristige industrielle Ressource behandelt zu werden.

Die Darstellung, dass die größte Bedrohung für unsere Wälder naturgegeben sei, ist irreführend und erteilt der Forstwirtschaft einen Freipass für eine weitere exzessive Bewirtschaftung.

März 2026

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