Der Wald ist mehr als ein Klimaregulator
Jeder liebt es, Bäume zu pflanzen. Von lokalen Aktivisten bis hin zu Politikern auf globaler Ebene – die Wiederaufforstung ist das Aushängeschild des Klimaschutzes und wird von Initiativen wie der „One Trillion Tree Initiative“ unterstützt.
Die Begeisterung soll nun gebremst werden, denn „Nicht jeder Wald kühlt die Erde“.
Zu diesem Schluss kam ein Forscherteam der ETH Zürich, das auf dem Supercomputer der Fakultät Simulationen durchführte, um drei globale Wiederaufforstungsszenarien und deren kühlende Wirkung auf das Klima zu modellieren.
Nachdem sie 300 Terabyte an Daten ausgewertet hatten, stellten sie fest, dass Bäume zwar Kohlenstoffspeicher sind, ihre dunklen Baumkronen aber auch als „Wärmefallen“ wirken können. Dieser Effekt ist besonders ausgeprägt in nördlichen Breitengraden, wo Nadelbäume einen Erwärmungseffekt erzeugen, indem sie die Albedo – ein Maß dafür, wie viel Sonnenlicht eine Oberfläche reflektiert – verringern und so Sonnenwärme absorbieren, die heller, reflektierender Schnee oder Gras sonst zurück ins All reflektieren würden.
Die Studie ergab, dass eine gezielte Aufforstung in den Tropen eine weitaus stärkere Kühlwirkung erzielt. Durch die Konzentration auf den Amazonas und Afrika könnten wir die gleichen globalen Klimavorteile mit 450 Millionen Hektar weniger erreichen als mit weniger strategischen Ansätzen, argumentieren die Autoren.
Doch dieses Konzept vermittelt ein signifikant unvollständiges Bild. Die Beschränkung auf eng gefasste Temperaturmodelle birgt die Gefahr, die komplexen ökologischen und menschlichen Gegebenheiten zu übersehen, die einen Wald zu mehr als nur einem Klimaregler machen.
Wälder auf „Kühlmaschinen“ zu reduzieren, ist zu simpel. Bäume treiben die Transpiration und die Wolkenbildung an und erzeugen so Kühlungseffekte, die weit über ihr eigenes Blätterdach hinausreichen. Indem wir „thermischen Hotspots“ nachjagen, laufen wir Gefahr, fragile Monokulturen zu fördern und uralte, nicht-forstliche Senken wie Savannen und Torfmoore zu zerstören. Wahre Resilienz hängt von vielfältigen, heimischen Ökosystemen ab, die den globalen Wasserkreislauf aufrechterhalten – nicht nur von einer CO₂-orientierten Kalkulation.
Wir dürfen einen regionalen „Albedo-Sprint“ nicht mit dem globalen „Kohlenstoff-Marathon“ verwechseln. Der Fokus der Studie auf die lokale Oberflächentemperatur lässt den globalen Charakter der Klimakrise ausser Acht. Selbst wenn ein Wald in hohen Breitengraden aufgrund seines geringen Albedos den lokalen Boden leicht erwärmt, erfüllt er dennoch die entscheidende Aufgabe der langfristigen Kohlenstoffbindung. Die Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre kommt der Energiebilanz des gesamten Planeten über Jahrhunderte hinweg zugute, während Albedo-Effekte lokal begrenzt und unmittelbar sind.
Es besteht ein hohes Risiko des grünen Kolonialismus. Die Behandlung des Globalen Südens als Kohlenstoffsenke ermöglicht es den Umweltverschmutzern des Nordens, ihre Klimaverantwortung in die Tropen auszulagern. Diese Verlagerung kann Landraub und die Vertreibung indigener Gemeinschaften auslösen und möglicherweise die lokale Ernährungssicherheit und traditionelle Rechte zugunsten globaler Kühlungsziele opfern.
Und zu guter Letzt führt die Suche nach dem perfekten Standort zu einer „Analysenlähmung“. Die Anpflanzung eines artenreichen, heimischen Waldes an einem nicht ganz optimalen Standort ist weitaus besser, als auf den perfekten Plan zu warten, während sich der Planet weiter erwärmt. Wir müssen uns auch vor skrupellosen Lobbygruppen hüten, die diese Daten missbrauchen, um noch mehr Abholzung zu rechtfertigen. Da Wälder an Orten wie der Schweiz bereits fälschlicherweise abgeholzt werden, um sie „klimafit“ zu machen, bietet der Albedo-Effekt eine neue Ausrede, um die Abholzung unter dem Deckmantel der lokalen Kühlung voranzutreiben.
Wälder sollten als lebende Ökosysteme geschätzt werden, die Leben erhalten, und nicht nur als Kohlenstoffspeicher, die man auf der Landkarte hin und her schiebt.
März 2026
